Ein langjähriger Freund aus einer anderen Gemeinde erzählte mir von einer Familie in seinem Bibelkreis, die überlegt, zu den Schwiegereltern nach Oberösterreich zu ziehen. Was meint der Kreis dazu? Mein Freund regte an, anhand von sechs Fragen zu studieren, was die Bibel dazu sagt. Es mag vielleicht überraschen, dass die Bibel uns tatsächlich auch in solchen Fragen Wegweisung geben kann.
Die sechs Fragen, die er mir dann auch per Mail übermittelt hat, lauten folgendermaßen:
In Psalm 119,9 heißt es, ein junger Mensch wird seinen Weg dann unsträflich gehen, wenn er sich an Gottes Wort hält. Nicht jede falsche Entscheidung, die wir treffen muss ein "sträflicher Weg" sein. Aber wir können Fehlentscheidungen vermeiden, wenn wir uns an Gottes Wort halten, die richtigen Fragen stellen und uns Mühe geben, Gottes Willen zu erkennen. Es nicht zu tun, kann zu Fehlentscheidungen führen, die uns unser ganzes Leben lang belasten. Es nicht zu tun, ist sträflich, weil "grob fahrlässig". Andererseits gibt eine Entscheidung, die mit Gottes Führung getroffen wurde, auch dann Frieden und Gewissheit, wenn es nicht so aussehen will, als ob dadurch alles leicht, heiter und sonnig werde.
Wir gehen davon aus, dass uns Gottes wird nicht nur vermitteln will, wie man in den Himmel kommt, sondern auch die Jahre und Jahrzehnte bis dorthin unser Leben gestalten und umgestalten will, wozu auch scheinbar ganz alltägliche Entscheidungen mitwirken.
In Gen 13 sehen wir wie Lot und Abraham sich trennen. Im Grunde ist es eine einfache Geschichte. Es gibt zu wenig Platz für beide Familien, also geht man getrennte Wege. Betrachtet man aber das ganze Kapitel etwas näher, dann finden wir darin verschiedene Dinge, die in der Entscheidung eine Rolle spielen. Das ist auch für uns interessant, denn nicht immer ist der Grund, den wir uns selbst oder anderen gegenüber für eine Entscheidung nennen, der einzige Grund, der dahintersteckt oder gar der Hauptgrund. Ein Tropfen kann ein Fass zum Überlaufen bringen, aber der Tropfen an sich ist gar nicht so bedeutsam. Außerdem sind wir manchmal auch uns selbst gegenüber nicht immer aufrichtig.
Was finden wir also sonst noch im Text, das mitspielt?
Es kam zu Streit unter den Hirten. Das mag eine Folge der Platznot sein, aber es war auch eine klare Trennung zu sehen zwischen den Hirten Abrahams und denen Lots. Die beiden Sippen, die aufgrund derselben Verheißung an Abraham in diesem Land waren, bildeten keine Einheit.
Sie kamen aus Ägypten, zuerst in die Wüste Negev und dann von Ort zu Ort bis nach Bethel. Betrachtet man später Lots Entscheidung sich permanent niederzulassen, kann es sein, dass ihm das unstete Wandern missfiel. Der Streit unter den Hirten war dann vielleicht nur der Anlass, darauf hinzuweisen, dass das Land nicht üppig genug war für alle.
Üppigkeit stand Lot vor Augen als sie an der Jordanebene vorbeikamen. Er verglich sie mit dem Garten Eden. Das klingt fürs erste wie eine Sehnsucht nach dem Paradies, und solch paradiesische Lebensumstände wünschte er sich im "verheißenen Land".
Wie in Ägypten. Dabei verglich Lot die Jordanebene nicht nur mit Eden sondern auch mit Ägypten, was als ein Bild für die Welt gesehen werden kann. Es ist tragisch, wenn wir verlernen zwischen den "Vorzügen der Welt" und der "Hoffnung auf das Paradies" zu unterscheiden.
Lot wohnte letztlich in Sodom. Er ist in einer Stadt aufgewachsen und in eine Stadt gezogen. Zurück ins Vertraute, das Melken von Ziegen war offenbar nicht so ganz seine Sache.
Worum geht es jetzt wirklich? Diese verschiedenen Aspekte zeigen, dass Lots Entscheidung offenbar deutlich differenzierter gesehen werden muss. Auch wenn wir nicht wissen, was in Lots Herz war. so ist das doch ein Bild für die verschiedenen Ebenen, auf denen wir denken und empfinden. Sind die Fragen, die uns bewegen, davon geleitet, dass es uns materiell nicht so gut geht wie wir wollen? Blicken wir zurück auf unsere Herkunft, Gewohnheiten, auf das Vertraute? Stehen wir in Einheit mit dem Volk der Verheißung oder doch als etwas distaziertere "Mitläufer" am Rand der Gemeinde? Hoffen wir auf das Paradies, oder suchen wir den Komfort und die Lebensweise der Welt?
Abraham hatte zwar keine Bibel, aber er hatte das Wort Gottes in Form der Verheißung. Gleich nach seiner Ankunft in Kanaan durchzog er das Land in seiner ganzen Länge und baute an verschiedenen Orten Altäre. Auch jetzt, nach der Rückkehr aus Ägypten, kehrte er nach Bethel zurück wo einer seiner Altäre stand. In seiner Antwort an Lot kommt zum Ausdruck, welche Gesinnung er hatte: "Ist nicht das ganze Land vor dir?" Abraham hatte kein Gefühl der Enge sondern der Weite. Vielleicht machte ihm deshalb das nomadische Leben von Ort zu Ort nichts aus, denn es gab ihm die Gelegenheit, "das ganze Land" kennen- und lieben zu lernen. Abraham hat seine Berufung sehr ernst genommen.
Im Hebräerbrief heißt es, er lebte in Zelten, weil er auf die Stadt wartete, die Grundlagen hatte, deren Baumeister Gott war. Lot zog hingegen in eine Stadt, die Gott letztlich zerstören musste.
Darin ist uns Abraham ein gutes Vorbild. Betrachten wir unsere Entscheidungen im Licht unserer Berufung? Kann Wohnungssuche etwas mit dem Reich Gottes zu tun haben? Spielen unsere Gaben und Aufgaben in der Gemeinde eine Rolle in unseren Entscheidungen? Haben auch wir die Gesinnung, als Fremde in dieser Welt zu leben, um auf die Stadt zu warten, deren Baumeister Gott ist?
In den zehn Geboten geht es am Schluss um das Begehren. Wenn wir begehren, was unsere Nächsten besitzen, dann macht uns das neidisch und vielleicht auch unglücklich. Das Hauptproblem liegt aber meines Erachtens im Vergleichen. Besonders, wenn wir uns mit Menschen vergleichen, die NICHT die Berufung haben, der wir folgen. Menschen, die nicht auf das Reich Gottes warten, müssen geradzu danach trachten, ihr irdisches Leben paradiesisch zu gestalten. Wenn wir nun beginnen uns mit solchen zu vergleichen - und das sind ja die allermeisten Menschen, mit denen wir zu tun haben! - dann kann es dazu führen, dass auch wir den Weg Lots gehen und nicht den Abrahams.
Im Blick auf die Frage, die im Bibelkreis meines Freundes besprochen wurde, kann man die ersten beiden Punkte vielleicht folgendermaßen anwenden (ohne die Familie zu kennen oder für sie sprechen zu können - das muss sie selbst herausfinden):
Warum zurück zu den Eltern ziehen? Geht es um bessere Arbeitsmöglichkeiten? Ist es die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land? Ist es eine Frage der Kosten? Sind es die engen Familienbande? Ist es eine elegante Möglichkeit, die Gemeinde zu verlassen, ohne sagen zu müssen: "Wir fühlen uns in der Gemeinschaft nicht wohl" oder "Wir können die Vision nicht ganz teilen"?
Die Schrift beruft zur Gemeinschaft (an dem Ort, der ausgesucht wurde, wäre die nächste Gemeinde sehr weit weg). Die Tendenz in der Schrift geht recht klar dahin, dass wir uns von den Eltern abnabeln sollen (Vater und Mutter verlassen). Welche Gaben hat die Familie, die sie derzeit in die Gemeinde einbringt, und welches Loch hinterlässt es, wenn sie gehen? Welche biblischen Gründe gibt es, eine Gemeinde zu verlassen?
Ich denke, es ist herausfordernd, sich ehrlich den verschiedenen Motiven zu stellen, nach denen wir die Entscheidung treffen können; und es hilft gewaltig, jede unserer Entscheidungen im Licht unserer Berufung zu sehen und zu prüfen.
Dass wir uns dem Rat anderer öffnen sollen, gehört zur biblischen Weisheit (Spr 12,15). Im Gegensatz zu manch falscher Anwendung ist ein Rat kein Befehl. Ein Rat entbindet uns nicht von unserer Eigenverantwortung. Aber um einen Rat annehmen zu können, müssen wir ehrlich genug uns selbst gegenüber sein, und auch offen dafür, dass der Ratgeber uns von dem abrät, womit wir liebäugeln. Anders gesagt: Wenn wir einen Rat suchen, der nur unsere Meinung bestätigt, sind wir nicht wirklich offen für Ratschläge.
Eine Vorraussetzung für Rat ist Beziehung. Es ist besser, einen Freund zu fragen als einen Fremden. Eine weitere Voraussetzung ist der Heilige Geist. Es ist besser jemanden zu fragen, der dieselbe Berufung teilt als jemanden, der nicht gläubig ist. Eine dritte Voraussetzung ist Lebenserfahrung. Es ist besser, ältere Geschwister zu fragen als jüngere.
Daraus ergibt sich auch eine Anwendung für gleich sofort, auch wenn wir nicht unbedingt in einer Entscheidungssituation stehen: Bauen wir Beziehungen mit älteren und reiferen Geschwistern auf. Lernen wir sie kennen, teilen wir auch ganz banale Gedanken und Erlebnisse mit ihnen, bitten wir sie, für uns zu beten, oder etwas aus ihrem Leben zu erzählen. Das klingt sehr stark nach Kaffee und Kuchen als äußerem Rahmen ...
Danach braucht man Zeit, um all den Input zu verarbeiten. Wie entwickelt man eine Antwort? Wichtig sind zwei Erkenntnisse: Wir sind für unsere Entscheidung nach wie vor selbst verantwortlich. Wir treffen sie in Freiheit. Aber: Wir sind für unsere Entscheidungen auch vor Gott verantwortlich. Ps 119,9 ermuntert uns, gemäß Gottes Wort zu entscheiden, was die Freiheit auch begrenzt.
Wichtige Hilfen sind: Das Gebet um Weisheit (Jak 1,5); Stille und Zurückgezogenheit (Lk 6,12); Fasten (Apg 14,23) - keines davon bringt in der Regel eine Vision oder eine Stimme, die uns die Antwort gibt; vielmehr "konditionieren" sie uns, bringen uns in die rechte Haltung vor Gott, machen uns bereit, anzunehmen, was immer kommen wird.
Manche arbeiten dabei auch mit +/- Listen, was eine (unter vielen möglichen) Methoden ist, die Argemente pro und contra zusammenzufassen und zu bewerten. Hier fällt auch hinein, dass wir die Kosten überschlagen sollen.
Manche Entscheidungen sind schwerwiegend genug, dass sie im Kreis der Familie Gotets besprochen werden sollten. Paulus auf seiner Reise nach Jerusalem etwa wurde im Kreis der Jünger immer wieder davor gewarnt, seinen Weg dorthin fortzusetzen - und hat den Rat nicht angenommen. Es ist aus unserer Sicht nicht möglich eindeutig zu sagen, ob Paulus hier stur war, oder ob die Gemeinde die Berufung des Paulus nicht ganz verstanden hatte.
Das heißt, auch die offene Diskussion in der Gemeinde ist kein Muss - andererseits sollte man die Meinung der Jünger, die unter Gebet und erfüllt vom Heiligen Geist reden, doch weitgehend ernst nehmen.
Die Apostel bezogen die ganze Gemeinde in großen Entscheidungen mit ein (z.Bsp. Apg 6,1-7), und eines der Schlüsselwörter, das die Gemeidne im Neuen Testament kennzeichnet ist "Einmütigkeit". Apg 15 ist ein anderes Beispiel, wie ein Konflikt in der Gemeinde gelöst wurde und gemeinsam eine Entscheidung getroffen wurde. Die Entscheidung, wann Paulus und Barnabas auf ihre erste Missionsreise gehen sollten, trafen die beiden auch nicht eigenmächtig, sondern der Geist offenbarte es den Leitern der Gemeinde, die sie dann aussandten (Apg 13,1-3).
Jesus selbst hat sich mit dem Vater im Himmel abgesprochen, und innerhaln der Dreieinheit gibt es "beratenden Dialog", wenn man es so menschlich ausdrücken darf (vgl. Heb 10,5-7).
Es hat also eine gute biblische Grundlage, in der Gemeinschaft unter der Führung des Heiligen Geistes zu beraten. Besonders dort, wo unsere persönlichen Entscheidungen mit dem Leben der Gemeinde verflochten sind, sollten sie als "Familienangelegenheiten" gesehen und in der "Familie Gottes" besprochen werden.
Nochmals: Daraus leitet sich kein MUSS ab. Die Entscheidung bleibt unsere Entscheidung, doch wenn wir ehrlich um Rat suchen, dann wird die Meinung der Gemeinde Gewicht haben in UNSERER Entscheidung.
Viele Fragen klären sich wahrscheinlich schon nach den erten zwei bis drei Schritten, manche erfordern ein gründliches und langsames Erfassen der Fakten und Ratschläge. Je nach Typ drängen wir vielleicht auf ein schnelles Ergebnis, oder aber wir haben die lange Bank zu unserer Strategie erkoren. Das Ziel sollte aber sein, eine Entscheidung zu treffen, von der wir überzeugt sind, dass sie Gottes Willen und Wort entspricht.
Natürlich können wir theoretisch immer noch eine Fehlentscheidung treffen, aber Gott wird unseren Irrtum aufgrund der aufrichtigen Gesinnung gerne als gute Entscheidunge betrachten und uns aufgrund des gewissenhaften Umgangs mit der Frage segnen. In dieser Zeit oder jedenfalls in der Herrlichkeit. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit doch sehr hoch, wenn wir Gottes Wort und Geist im Entscheidungsprozess so viel Raum geben, wie es hier dargelegt ist, dass wir eine gute und dem Wort gemäße Entscheidung treffen werden.
Ich werde mich hüten, der eingangs erwähnten Familie jetzt einen Brief zu schreiben mit einer Antwort auf ihre Frage. Dazu kenne ich sie zu wenig; auch weiß ich nicht, was der Herr mit ihnen vorhat, noch was sie eigentlich innerlich bewegt. Aber ich wünsche mir unter uns solche Bezihungen, wo wir einander in genau dieser Qualität helfen können, damit wir alle unseren Weg unsträflich gehen, indem wir uns an Sein Wort halten.
Alexander